Redebeitrag von der fem.ini für die Demo am 1. Mai in Lüneburg

: englisch version :

Wenn über Arbeit gesprochen wird, entstehen Bilder in unserem Kopf von Menschen, die morgens zur Arbeit gehen und abends wiederkommen, ein festes Gehalt beziehen und damit ihren Lebensunterhalt bestreiten. Unter Arbeit wird im Allgemeinen also entlohnte Arbeit oder Erwerbsarbeit verstanden. Dabei findet ein Großteil unseres täglichen Lebens jenseits von entlohnter Arbeit statt.

Kochen, Putzen, sich um Kinder kümmern oder Angehörige pflegen, aber auch Geburtstagskarten verschicken und für andere da sein – auch all das nennen wir Arbeit, Reproduktionsarbeit. Sie umfasst alle Tätigkeiten, die notwendig sind, um menschliches Leben zu „schaffen“ und immer wieder neu zu „schaffen“ und zu erhalten. Wenn wir überlegen, wer diese Arbeiten größtenteils für uns erledigt, wird schnell klar, dass diese Aufgaben häufig von Personen übernommen werden, die als Frauen* eingeordnet werden. Noch immer besteht das weitverbreitete Bild, dass Frauen* angeblich ‚von Natur aus‘ gut für andere sorgen können. Von Frauen* wird erwartet fürsorglich, selbstlos und liebevoll zu sein.

Die Vorstellung, dass nur Erwerbsarbeit „richtige Arbeit“ ist, verschleiert, wie grundlegend wichtig Reproduktionsarbeit ist. Dadurch, dass Reproduktionsarbeit häufig zu Hause, in den eigenen vier Wänden stattfindet und damit „Privatsache“ ist, wird sie unsichtbar. Durch die damit verbundene systematische Vereinzelung wird es Frauen* erschwert, sich zu organisieren, um ihre Rechte durchzusetzen. Auch heute werden deswegen viele Frauen* nicht hier sein können.

Reproduktionsarbeit hat aber nicht nur etwas mit Geschlechterverhältnissen zu tun: Selten spülen reiche Weiße ihr eigenes Geschirr, erziehen ihre eigenen Kinder oder pflegen kranke Angehörige. Reproduktive Tätigkeiten sind also Knotenpunkt für verschiedene Unterdrückungsverhältnisse. Es ist daher wichtig diese Arbeitsverhältnisse in den Fokus zu nehmen und zu benennen, was dabei alles scheiße läuft! Wir wollen dies aus einer queerfeministischen Perspektive tun.

Queerfeminismus bedeutet für uns, dass wir nicht nur die Herrschaft des ‚Männlichen‘ über das ‚Weibliche‘ ablehnen, sondern auch andere Unterdrückungsformen verurteilen. Queerfeminismus richtet sich also auch gegen Homophobie, Diskriminierung von Trans*personen oder Personen, die sich nicht in Geschlechterstrukturen einordnen wollen oder können, in denen es nur Männer und Frauen gibt. Genauso richtet sich der queerfeministische Blick gegen Rassismen, Abwertung aufgrund der sozialen Herkunft und Diskriminierung aufgrund von Körpernormen.

Mittlerweile scheint es normal, dass Frauen* in Deutschland und anderen Ländern des globalen Nordens in entlohnten Arbeitsverhältnissen beschäftigt sind. Das hat jedoch nichts daran geändert, dass ein Großteil der Hausarbeit immer noch von Frauen* ausgeübt wird. Frauen* sind somit häufig einer Doppelbelastung ausgesetzt. Daher werden auch immer häufiger, wenn das Geld denn dafür reicht, Teile der Reproduktionsarbeit an Angestellte abgeben. Die reproduktiven Arbeiten werden dabei teils an andere, weniger privilegierte Frauen* weitergegeben: an women of color, Frauen aus osteuropäischen Ländern, schwarze Frauen.

All diese Arbeiten, im Haushalt, im Kindergarten, in der Krippe, in der Pflege, müssen gut bezahlt werden und die Arbeitsbedingungen müssen gut sein. Dafür haben unter anderem unsere Kolleg_innen in der Erziehungsarbeit in den letzten Jahren gekämpft und gestreikt.

Ziel des Queerfeminismus kann und darf es nicht sein, nur bestimmten Frauen* zu einer besseren Position zu verhelfen, während andere Unterdrückungsverhältnisse dadurch aufrechterhalten oder sogar noch verstärkt werden. Queerfeminismus sollte bedeuten, gemeinsam gegen Sexismus, gegen rassistische und klassistische Zuschreibungen und gegen ein kapitalistisches Ausbeutungssystem sowie gegen jede andere Form von Unterdrückung vorzugehen.

Reproduktionsarbeit ist Arbeit. Sie muss gerecht entlohnt und gesellschaftlich gewertschätzt werden. Und gleichzeitig müssen wir immer wieder ansprechen, dass es scheiße ist, dass für diese Arbeit immer noch vor allem Frauen* zuständig sind. Und dass wir noch weit entfernt sind, geschlechterbezogene Arbeitsteilung abzuschaffen!

Nun zu einer anderen Form der Arbeit. Wir verstehen unseren queerfeministischen Protest ebenfalls als Arbeit! Arbeit als radikale Veränderung der bisherigen gesellschaftlichen Verhältnisse. Dieses Jahr werden am 7. und 8. Juli die sogenannten 20 wirtschaftlich und politisch mächtigsten Staaten in Hamburg zusammenkommen – parlamentarische Regierungen, autoritäre Regime und Folterstaaten an einem Tisch, die ihre geopolitischen Herrschaftsansprüche und die weltweite kapitalistische Ausbeutung koordinieren – vertreten durch ihre jeweilige*n Staatschef*innen. Auch die Anwesenheit von Frauen* unter diesen hat aus unserer Sicht keinen emanzipatorischen Fortschritt gebracht. Leitthemen auf der Agenda sind Frauen, Flucht und Gesundheit. Wie passt das zusammen, wenn durch europäische und nationale Gesetzesverschärfungen immer mehr Frauen* und Kinder auf der Flucht vor Krieg, Unterdrückung und Klimakatastrophen systematisch ermordet werden? Wie passt das zusammen, wenn Frauen* das Recht auf Abtreibung abgesprochen wird, wie es z. B. die AfD fordert? Wie passt das zusammen, wenn Frauen* in Deutschland statistisch im Jahr 77 Tage arbeiten, ohne dafür entlohnt zu werden?

Wir Frauen* erfahren täglich, dass die Herrschenden an ihren Privilegien und ihren patriarchalen Unterdrückungspraktiken festhalten. Dass es die Institution „G20“ überhaupt gibt, zeigt ganz deutlich, welche Interessen geschützt und gestärkt werden sollen. Niemals geht es da um Frauen*rechte, sichere Lebensgrundlagen und den Schutz der Gesundheit! Wir fordern Euch und uns alle auf, uns dieser willkürlichen Struktur zu widersetzen und neue gesellschaftliche Verhältnisse zu schaffen! Tagtäglich und beim Protest im Juli in Hamburg. Widerstand ist Handarbeit!

Wir sind viele! Gemeinsam gegen Sexismus und Patriarchat! Gemeinsam für Solidarität und Feministische Kämpfe! We don‘t fight for flowers! Sisters united!